Gute Aussichten für Experience Designer

We shape our tools and thereafter our tools shape us. – Marshall McLuhan

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UX Leadership, KI··5 min Lesezeit

Gute Aussichten für Experience Designer

Während viele fragen, ob sie in Zeiten von KI noch gebraucht werden, sehe ich zwei Chancen – so unterschiedlich, dass sie sich fast widersprechen, und genau deshalb so wertvoll.

Aktuell spüre ich am Markt verschiedene Signale, und die meisten davon lese ich anders, als es gerade viele in unserer Branche tun. Während sich viele fragen, ob sie in ein paar Jahren überhaupt noch gebraucht werden, sehe ich in genau diesen Signalen zwei gute Aussichten für uns Experience Designer:innen. Beide zeigen in unterschiedliche Richtungen, und genau das macht sie für mich so interessant.

Chance eins: Übersetzerin zwischen zwei Lesearten

Jedes Design System, das ich kenne, lebt von einer stillen Annahme: Wer die Regeln liest, versteht auch, was gemeint ist, auch wenn es nicht bis ins letzte Detail ausformuliert ist. "Der Abstand soll großzügig wirken." "Die Fehlermeldung soll freundlich, aber klar sein." Jede erfahrene Designerin füllt diese Lücke automatisch mit Erfahrung, mit Geschmack, mit dem, was sie in hundert anderen Projekten schon gesehen hat.

Genau diese Lücke ist das Problem, sobald ein Agent das Designsystem als Grundlage nimmt, um selbst etwas zu bauen. Ein LLM füllt die Lücke nicht mit Erfahrung. Es füllt sie mit der nächstbesten Interpretation, die am ehesten zur Beschreibung passt, aber die kann meilenweit von dem entfernt sein, was eigentlich gemeint war. Das Design System bekommt also plötzlich ein zweites Publikum, das komplett anders liest als das erste: buchstabengetreu, ohne Kontext, ohne den Nachbau tausend gesehener Interfaces im Kopf.

Damit verändert sich, was ein Design System eigentlich leisten muss. Es reicht nicht mehr, Prinzipien zu formulieren und auf gesunden Menschenverstand zu vertrauen. Es braucht eine zweite, parallele Übersetzung, konkret, eindeutig und überprüfbar, für das Publikum, das keinen gesunden Menschenverstand mitbringt. Und diese Übersetzung schreibt sich nicht von selbst. Jemand muss festlegen, ab wann eine Regel "eindeutig genug" ist, muss pflegen, dass sie aktuell bleibt, und muss am Ende dafür geradestehen, wenn die Maschine trotzdem etwas Falsches gebaut hat, weil eine Formulierung zu viel Interpretationsspielraum ließ.

Genau an dieser Stelle entsteht gerade eine Verantwortung, die es in den meisten Teams so noch nicht gibt: nicht mehr nur Hüterin der Konsistenz zu sein, sondern Übersetzerin zwischen zwei völlig unterschiedlichen Lesearten desselben Regelwerks.

Chance zwei: die menschliche Übersetzung, die sich nicht in Regeln fassen lässt

Die zweite Aussicht liegt fast am anderen Ende der Skala. Während die erste Chance ganz in Struktur, Eindeutigkeit und Prüfbarkeit denkt, geht es hier um genau das Gegenteil: UX-Wissen wird gerade zu dem Kontext, mit dem KI-Tools überhaupt erst brauchbare Ergebnisse liefern, aber nicht, weil es sich in Regeln pressen lässt, sondern weil es die Begründung liefert, die eine Maschine sonst nicht hat. Personas mit Stockfoto und Vorname waren immer schon für Menschen gemacht, nicht für Modelle – die brauchen kein Mitgefühl, sondern die Begründung dahinter. Wer gelernt hat, aus Research-Rohmaterial die eigentliche Erkenntnis zu destillieren, statt nur die hübsche Deliverable-Verpackung drumherum zu bauen, hat gerade einen echten Wertbeitrag, den vorher kaum jemand explizit eingefordert hat.

Das ist der Teil, der mich hoffnungsvoll stimmt. Es geht nicht darum, klassische UX-Arbeit über Bord zu werfen und ab jetzt nur noch Regel-Ingenieurin zu sein. Es geht darum, dass genau die Menschen, die bisher zwischen Nutzerbedürfnis, Business-Ziel und technischer Machbarkeit vermittelt haben, jetzt eine vierte Partei am Tisch haben: die Maschine. Und diese Vermittlung – Kontext geben, beurteilen, was sich eben nicht in eine Bedingung gießen lässt, mit Menschen so reden, dass am Ende etwas Sinnvolles entsteht – ist am Ende wieder dieselbe Kernkompetenz wie immer. Nur mit einem größeren Wirkradius.

Warum beides zusammen die eigentliche Chance ist

Auf den ersten Blick widersprechen sich die beiden Aussichten. Die eine verlangt maximale Eindeutigkeit, bis auf Token- und Zeichenebene. Die andere lebt von genau dem, was sich nicht eindeutig machen lässt – Gespür, Kontext, das Gespräch mit echten Menschen. Genau in diesem Widerspruch liegt für mich der eigentliche Wert. Wer sich stur auf eine einzige Berufsbezeichnung zurückzieht – "ich mache UI", "ich mache User Research", "ich erstelle Design Systeme" - wird es zunehmend schwer haben. Wer dagegen bereit ist, je nach Situation einen anderen Hut aufzusetzen - mal Übersetzer für die Maschine, mal Anwältin für die Nutzer:innen -, für den öffnen sich gerade von Tag zu Tag mehr Möglichkeiten.

Das ist im Kern das, was ich seit Jahren als die eigentliche Rolle von Designer:innen verstehe, nur dass die Bühne jetzt größer geworden ist. Damals ging es um die Konversation zwischen Menschen in Organisationen. Heute gehört die Maschine mit an den Tisch, und genau deshalb wird die menschliche Übersetzungsleistung nicht überflüssig, sondern wertvoller.

Wie erlebt ihr das gerade in euren Teams? Wandert eure Rolle auch schon an neue Stellen im Prozess? Würde mich wirklich interessieren.