REVISITED 2026: Die neue Rolle der Designer in einer sich verändernden Welt.

Design ist kein Schritt im Prozess. Es ist eine Denkweise, die den gesamten Prozess durchzieht.

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UX Strategie··10 min Lesezeit

REVISITED 2026: Die neue Rolle der Designer in einer sich verändernden Welt.

ahre später stellt sich nicht mehr die Frage, welche Rollen Designer einnehmen, sondern für wen und mit wem sie diese ausfüllen. Ein Blick auf ein Berufsbild im Wandel.

Ich habe diesen Text 2018 zum ersten Mal geschrieben. Damals hatte ich gerade auf der Customer & User Experience Interactive Conference gesprochen, über die neuen Rollen, die Designer in Organisationen einnehmen müssen, wenn sie wirklich etwas bewegen wollen. Lehrer, Expeditionsführer, Moderator, Diplomat, Künstler.

Fast zehn Jahre später lese ich den Artikel wieder. Das stimmt alles noch, aber das Fundament unter diesen Rollen hat sich stark verschoben.



Es gibt Erkenntnisse, die sich als zeitlos erweisen, und es gibt Kontexte, die sich so schnell verändern, dass dieselbe Erkenntnis plötzlich eine andere Bedeutung trägt.

Die Rollen, über die ich 2018 geschrieben habe, sind nicht falsch geworden. Designer müssen noch immer erklären, moderieren, Mut machen, überzeugen, gestalten. Was sich verändert hat, ist die Frage, wem gegenüber sie diese Rollen einnehmen, und mit wem sie sie teilen müssen.

Denn seit 2023 sitzt an vielen Tischen ein neuer Mitspieler, der keine Vorerfahrung hat, keinen Kontext, keine Haltung, der aber sehr schnell sein kann.

Der Hut, den wir 2018 noch nicht kannten

Bei Kunden, in Mentoring-Sessions für die German UPA, oder adplist.org, in Gesprächen beim UX Meetup Bonn höre ich seit zwei Jahren immer wieder diese Frage: Wird KI meinen Job übernehmen?

Ich halte das für die falsche Frage. Sinnvoll erscheint mir sich damit zu beschäftigen, welche meiner bisherigen Aufgaben KI jetzt schneller erledigt als ich, und was das für meine eigentliche Arbeit bedeutet.

Ich bin davon überzeugt, dass Experience Designer in einer Welt mit generativer KI wichtiger werden, allerdings nur, wenn sie eine neue Rolle annehmen, die 2018 noch nicht existierte. Ich nenne sie den Qualitätshüter (weil Hüter ja eh gut zur Hüten passt).

KI kann heute Wireframes generieren, Texte schreiben, Varianten erzeugen, Code produzieren. Was sie nicht kann, ist verstehen, ob das, was sie produziert, wirklich zum Menschen passt, der es benutzen wird, ob es zur Marke passt, ob es den Kontext trifft, ob es in drei Monaten noch stimmt, wenn sich die Nutzungssituation geändert hat. Das ist Designarbeit. Weil KI so viel Output produziert, wird das Urteilsvermögen von Designern wertvoller, weil nur sie das Richtige vom Falschen unterscheiden können.

Was geblieben ist und warum es jetzt anders klingt

Der Lehrer: jetzt auch Vermittler von KI-Kompetenz

2018 habe ich geschrieben, dass Designer erklären müssen, was UX überhaupt ist, jenseits von Farben und Layouts. Das ist noch immer wahr, aber der Unterrichtsstoff hat sich erweitert.

Designer müssen heute erklären, was ein guter Prompt ist, was ein Design Token eigentlich bedeutet, wenn er in einem KI-Workflow landet, warum semantisches HTML keine reine Entwickleraufgabe ist, sondern die Grundlage dafür, dass Maschinen Inhalte überhaupt sinnvoll verarbeiten können.

Ich hätte mir 2018 nicht vorstellen können, dass ich eines Tages in einem Kundengespräch erklären würde, warum die Struktur des Design Systems darüber entscheidet, wie gut ein Sprachmodell die Website einer Marke versteht. Aber genau das passiert gerade, und die Lehrerrolle braucht dafür einen neuen Lehrplan.


Der Expeditionsführer: jetzt in unbekannterem Gelände

Das Bild des Expeditionsführers mochte ich 2018 sehr, weil es beschreibt, dass Designer nicht alleine unterwegs sind, sondern ganze Teams durch kreative Prozesse führen müssen. Das stimmt nach wie vor.

Die Expedition selbst ist aber unübersichtlicher geworden. Die Karte fehlt öfter, Tools entstehen und verschwinden im Monatsrhythmus, und was letzte Woche Standard war, ist heute schon überholt.

Teams, die gut durch diese Unsicherheit navigieren, haben einen gemeinsamen Nenner, und das sind weder die besten Tools noch die mutigsten Prompts, sondern ein klares Verständnis davon, was sie eigentlich erreichen wollen und warum. Das ist Designarbeit, und es ist die Aufgabe des Expeditionsführers, Orientierung zu geben, wenn die Karte aufhört.


Der Moderator: jetzt Hüter direkter Kommunikation

Co-Creation war 2018 schon eine Herzensaufgabe für mich. Interdisziplinäre Teams in kreative Prozesse einladen, zeigen, dass Gestalten keine Expertendisziplin ist, das hat sich ausgezahlt, und daran hat sich nichts geändert.

Was sich verändert hat, ist etwas, das ich in letzter Zeit immer häufiger beobachte, auch außerhalb von Workshops. Menschen ziehen ihren Input durch KI, bevor sie ihn weitergeben, der Empfänger verfährt genauso, und irgendwo dazwischen geht das eigentliche Gespräch verloren.

Ich merke das ganz konkret. Feedback wird glatter, E-Mails klingen einander ähnlicher, Texte verlieren die Eigenart der Person dahinter. Niemand hat bewusst entschieden, weniger direkt zu sein, es passiert einfach, weil der Weg über KI bequemer ist als das direkte Formulieren. Häufig kommt noch der Anchoring-Effekt dazu, bei dem der erste KI-generierte Entwurf den Raum dominiert, bevor jemand überhaupt seine eigenen Gedanken formulieren konnte.

Die Moderatorrolle hat deshalb eine neue Dimension bekommen. Es geht nicht mehr nur darum, Kreativprozesse zu strukturieren, sondern auch darum, Räume zu schaffen, in denen Menschen wieder direkt miteinander reden, ohne Layer dazwischen, in denen jemand sagt, was er wirklich denkt, auch wenn es noch nicht ausformuliert ist. Das ist unbequemer, und es ist das, woraus gute Arbeit entsteht.


Der Diplomat: jetzt mit anderen Gegenargumenten

Überzeugen, Netzwerke aufbauen, das Management mitnehmen, das alles gilt noch. Was sich verändert hat, ist die Art der Widerstände.

2018 habe ich dafür gekämpft, dass UX mehr ist als ein hübsches Interface. Heute kämpfe ich, und höre das auch von anderen Designern, dafür, dass Schnelligkeit nicht das einzige Kriterium sein darf, dass ein KI-generiertes Design, das in zehn Minuten entstanden ist, trotzdem überprüft werden muss, dass Konsistenz kein Selbstzweck ist, sondern Vertrauen aufbaut.

Das Gegenargument lautet "aber es geht so schnell", und es klingt auf den ersten Blick überzeugend. Genau deshalb braucht es Designer, die es mit Substanz entkräften, nicht mit Meinung.


Der Künstler: der Hut, der schmerzt

Den Künstlerhut, schrieb ich 2018, setzen Designer nie ab. Das stimmt noch, aber ehrlich gesagt ist das der Hut, bei dem mir dieser ganze Wandel am meisten weh tut. Der Künstler wird irrelevanter, das gehört zur ehrlichen Bilanz dazu, und ich glaube, viele Designer spüren das, auch wenn sie es ungern aussprechen.

KI erzeugt Mittelmaß im Überfluss, schnell, sauber, brauchbar, und irgendwie überall gleich. Interfaces sind über die Jahre ohnehin immer strukturierter geworden, und wir tragen mit der Schaffung von Design Systemen stark dazu bei. Das ist gut so, und es macht unsere Arbeit zugänglicher für die KI-Nutzung, aber genau dadurch entsteht ein Einheitsbrei, der sich kaum noch unterscheidet.

Mein Mitstreiter Jonas Ulrich hat mich vor einer Weile auf eine Analogie gebracht, die das gut beschreibt, die "Karzinisierung". In der Biologie meint das, dass sich völlig unterschiedliche Krebsarten mehrfach unabhängig voneinander zur Krabbenform entwickelt haben, ein klassisches Beispiel konvergenter Evolution, weil sich diese Form als stabil, effizient und anpassungsfähig bewährt hat. Im Web passiert seit Jahren dasselbe, immer wieder entstehen unabhängig voneinander dieselben Strukturen, Patterns und Interfaces, weil sie funktionieren. Mit KI beschleunigt sich diese Konvergenz, weil alle dieselben Muster, Tools und Generatoren nutzen.

Die visuelle Form ist damit weitgehend ausentwickelt, und das ist kein Grund zur Klage, sondern ein Zeichen der Reife. Die Unterschiede liegen heute woanders, in Sprache, Motion, Markenstimme, Mikrointeraktionen, und vor allem in der Frage, ob hier mein Bedürfnis gestillt, meine Erwartung befriedigt, ein Mehrwert für mich erzeugt und Vertrauen gestiftet wird (aka die holistic Experience). Genau dort liegt die neue Kunst. Wie lasse ich eine Marke aus dem generierten Einheitsbrei heraus besonders wirken, ohne in unbezahlbare Individualarbeit zu verfallen oder die strukturellen Grenzen des Systems zu sprengen. Das ist eine Gestaltungsfrage, sie wird wichtiger statt kleiner, und sie macht Content Design und die Experience im Gesamten zur eigentlichen Spielwiese des Künstlers.

Wenn ich Jonas und mich bei der Arbeit an unser Accelerator beobachte, dann sind die Momente, in denen wir wirklich vorankommen, selten die, in denen wir schnell generieren. Es sind die, in denen wir eine Entscheidung treffen, die sich richtig anfühlt, auch wenn sie schwerer zu erklären ist. Das ist Kunst, und das bleibt Designaufgabe, auch wenn der Hut heute anders sitzt als früher.


Der Übersetzer ins Geschäft

Es gibt eine Rolle, die ich 2018 zu wenig betont habe, und die heute über fast alles entscheidet, die Kommunikation mit den Entscheidern.

In diesen Gesprächen muss man den Fachabteilungshut absetzen und den Ton der Wirtschaftlichkeit anschlagen. Welchen Wert erzeuge ich durch meine Arbeit, welche Wirkung entfacht welche Änderung, und wie schlägt sich das im Umsatz nieder. Das fällt Designern nicht leicht, weil wir gelernt haben, in Nutzererlebnissen statt in Geschäftszahlen zu denken, aber wer diese Übersetzung nicht leistet, bleibt auf der Expertenrolle sitzen, gegen die ich schon 2018 angeschrieben habe.

Im KI-Kontext wird das schärfer. Wenn jeder schnell generieren kann, ist der Nachweis, warum gute Gestaltung und saubere Struktur sich rechnen, keine Kür mehr, sondern die Voraussetzung dafür, überhaupt gehört zu werden. Designer müssen zeigen, dass ihre Arbeit Wert schafft statt Kosten verursacht, und das in einer Sprache, die im Management ankommt.


Der neue Hut: Der Qualitätshüter im KI-Zeitalter

All das führt zu einer Rolle, die 2018 noch keine Relevanz hatte, Designer als diejenigen, die in einer Welt mit viel generiertem Output beurteilen, was gut ist.

Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Dafür braucht man Kontextwissen, das sich nicht prompten lässt, Erfahrung mit echten Nutzenden, ein Gespür dafür, was eine Marke ist und was sie nicht ist, und die Fähigkeit, Ästhetik und Funktion zusammenzudenken statt gegeneinander.

Ich sage das nicht, um KI kleinzureden. Ich nutze sie täglich, für Recherche, für erste Entwürfe, für Code, für Strukturierungshilfe, und wir bauen unsere gesamte Arbeit an kickstartDS und dem Storyblok CMS Accelerator auf dem Zusammenspiel von strukturierten Design Systemen und KI-Workflows.

Die KI funktioniert gut, weil das Design System sauber ist, weil die Komponenten-APIs eindeutig sind, weil die Design Tokens Markenidentität als Daten beschreiben, weil die semantischen Strukturen es Maschinen ermöglichen, Inhalte korrekt zu interpretieren. Das alles hat ein Mensch gebaut, und es braucht einen Menschen, der es pflegt und weiterentwickelt.


Was mich 2026 beschäftigt, das 2018 noch kein Thema war

Eine Frage, die mich dabei wirklich beschäftigt, betrifft unseren Nachwuchs. Wenn KI die Junior-Aufgaben übernimmt, die Variantenentwicklung, das erste Ausloten eines Gestaltungsraums, die Umsetzung definierter Patterns, dann fehlen jungen Designerinnen und Designern genau die Aufgaben, aus denen ihr Urteilsvermögen entsteht.

Das Urteil kommt nicht aus dem Nichts, es kommt aus hundert Entscheidungen, die man getroffen und deren Konsequenzen man erlebt hat. Wenn KI diese Lernschleifen abkürzt, ist das eine Bequemlichkeit mit Preis, und den zahlt die Disziplin als Ganzes.

Ich beobachte das in Mentoring-Sessions und ich halte das für eine der wichtigsten Fragen, die wir gerade als Gemeinschaft stellen müssen.


Zum Mitnehmen

Für Manager:

Eure Designer werden in einer KI-Welt nicht überflüssig, sondern wertvoller, allerdings nur, wenn ihr ihnen erlaubt, mehr zu sein als schnelle Output-Lieferanten. Die eigentliche Leistung liegt im Urteil, also in der Fähigkeit zu erkennen, was vom generierten Überfluss wirklich gut ist. Gebt ihnen den Raum, dieses Urteil einzubringen, auch wenn das langsamer wirkt als ein schneller Prompt. Und nehmt sie ernst, wenn sie in Wert und Wirkung statt in Pixeln argumentieren, denn genau diese Übersetzung entscheidet darüber, ob Gestaltung in eurem Unternehmen als Kostenfaktor oder als Hebel verstanden wird. Wer Schnelligkeit zum einzigen Maßstab macht, bekommt am Ende eine Marke, die aussieht und klingt wie alle anderen.

Für Designer:

Nutzt KI, aber nutzt sie, um besser zu werden, nicht nur schneller. Lasst euch die Lernschleifen nicht abkürzen, aus denen euer Urteilsvermögen entsteht, gerade am Anfang der Karriere ist die mühsame Arbeit oft die wertvollste. Lernt, in der Sprache der Entscheider zu sprechen, weil ihr sonst auf der Expertenrolle sitzen bleibt. Und kümmert euch um das, was KI strukturell nicht kann, also um Haltung, Kontext, Markenstimme und die Frage, ob ein Mensch sich am Ende wirklich gesehen fühlt. Die visuelle Form ist weitgehend ausentwickelt, eure Chance liegt in allem, was darüber hinausgeht.


Zum Schluss

2018 habe ich geschrieben: "Designer brauchen Unterstützung, um selbst bestmöglich zu unterstützen."

Das gilt noch. Ich würde heute ergänzen, dass Designer auch lernen müssen, die richtige Art von Unterstützung anzunehmen, und zu unterscheiden, welche sie stärkt und welche sie schwächt.

Wer KI nutzt, um schneller und gleichzeitig besser zu werden, hat verstanden, worum es geht. Wer KI nutzt, um das Denken abzukürzen, zahlt einen Preis, den er erst später bemerkt.

Was sich quer durch alle diese Rollen zieht, ist die Vermittlung. Der Designer wird zum Vermittler in fast jedem Dialog, im Gespräch mit Kunden, mit Usern, mit Kollegen, mit dem Management, von Mensch zu Mensch. Das war auch 2018 schon so, aber heute, wo überall ein KI-Layer zwischen die Menschen rückt, ist das vielleicht das Wertvollste, was wir leisten können, nämlich dafür zu sorgen, dass am Ende noch Menschen miteinander sprechen.

Die Hüte, die ich 2018 beschrieben habe, Lehrer, Expeditionsführer, Moderator, Diplomat, Künstler, sind noch immer die richtigen. Sie sitzen nur anders, manchmal unbequemer, manchmal interessanter als je zuvor. Und es sind neue dazugekommen.


Ich freue mich sehr, wenn Du Dir die Zeit genommen hast, das zu lesen. Du siehst das ganz anders? Lass es mich wissen, das ist kein rhetorisches Angebot.

Den Originalartikel von 2018 kannst Du hier lesen.